Reißende Ströme brechen über uns herein
2017 · Buntstift auf Holz, Maschinenschrauben · 70 x 50 x 10 cm





Treasury
2017 · Buntstift auf Holz · 50 x 110 x 25 cm





Spiegelneuronen
2017 · gebürstetes Chromspray auf Holz · 25 x 57 x 5 cm





Theoretisches Konstrukt für die Reise in ein anderes Universum
2017 · Holz · 25 x 50 x 20 cm

Sie träumen von einer neutralen Sprache und sprechen von Donuts
2017 · Bleistift auf Holz · 25 x 50 x 6 cm

Turbulente Strömung
2017 · Modelliermasse · 25 x 50 x 10 cm





Gletscherheimat
2017 · Bleistift und Buntstift auf Holz · 50 x 100 x 25 cm





Die Liegende
2017 · Aquarellstift auf Holz, Kordel · 60 x 130 x 35 cm







Rohling (Virus)
2017 · Bleistift auf Holz · 25 x 130 x 25 cm





Scales (Trust us on this)
2014 · Bleistift auf Holz · 200 x 80 x 2 cm











Träume von einer neutralen Sprache · Galerie Drei Ringe · Leipzig · März 2017


„Träume von einer neutralen Sprache“ ist der Titel einer Serie von skulpturalen Arbeiten, die sich mit wissenschaftlichen Bildgebungsverfahren befassen. Die visuellen Ausdrucksformen der Wissenschaft: die Formen und Farben der in Bilder übersetzten Daten, Modelle und metaphorischen Begriffe sind Chiffren eines bestimmten Blickes auf die Welt – von Vorstellungen des Mensch- und/oder Natur-Seins an sich. Insofern sind sie radikal historisch; wandelbar und im Gegensatz zum Anspruch ihrer wissen-schaftlichen Wahrhaftigkeit so kurzlebig wie Denkmäler. Sie stellen nicht nur unsere derzeitigen Beziehungen zur Welt dar, sie stellen sie erst her. Um abstrakte Messdaten sichtbar zu machen, be-dient sich die Wissenschaft künstlerischer Darstellungsstrategien. Auf das eigene Forschungsfeld ist Aufmerksamkeit zu lenken, Geldgeber und politische Entscheider müssen gewonnen, Ethikkommis-sionen überzeugt, Zweifler geblendet werden. Die „neutrale Sprache“, die das Ethos der Wissenschaft gebietet, bleibt dabei – als anzustrebendes Ideal wie als naiver Glaube an eine Unmöglichkeit – ein Phantasma.

Aus der Serie „Träume von einer neutralen Sprache“:

„Reißende Ströme brechen über uns herein“
Das reißerische Sprechen über Migrationsbewegungen als „Flüchtlingsströme“ verflüchtigt sich in einer Wolke aus kartografierten Flüssen.

„Treasury“
Der Ausschnitt eines Tortendiagramms illustriert in einer sich von unten vergrößernden Skalierung die vielschichtigen Schätze des Bodens.

„Spiegelneuronen“
Die wissenschaftlich umstrittenen Spiegelneuronen sind Nervenzellen, die beim Anblick von Handlungen oder Emotionen eines Gegenübers in uns – angeblich – dasselbe Programm aktivieren.

„Theoretisches Konstrukt für die Reise in ein anderes Universum“
Wenn man über den Weltraum ein Raster malt, kann man ihn sich auch gekrümmt vorstellen. Wo etwas gekrümmt ist, sind Abkürzungen möglich. Durch ein Wurmloch ist es dann nur noch ein Katzensprung in ein anderes Universum.

„Sie träumen von einer neutralen Sprache und sprechen von Donuts“
Der süße Donut soll sowohl dem Laien als auch dem Förderer der Wissenschaft – etwa bei der Entdeckung des Van-Allen-Gürtels der Erde – die sonst unappetitliche geometrische Figur des Torus’ schmackhaft machen.

„Turbulente Strömung“
Lange, dünne Würstchen sind besonders gut geeignet, um aerodynamische Verwicklungen zu visualisieren.

„Gletscherheimat“
Zwischen Heimatmuseumsmöbel und Klassenarbeitsthema löst die glaziale Serie („Grundmoräne, Endmoräne, Sander, Urstromtal“) bei nordostdeutschen Herkünften nostalgische Gefühle aus.

„Die Liegende“
Als Liegende präsentiert sich die DNA auf einer Chaiselongue, um Geldgeber zu verführen oder eine Analyse zu machen.

„Rohling (Virus)“
Wenn eine neue tödliche Krankheit die Menschheit bedroht, ist man gut beraten, im Computer bereits eine kugel- oder röhrenartige Figur vormodelliert zu haben, um sie für die schnelle Titelseite nur noch mit wenigen aparten Attributen bestücken zu müssen.


„Scales (You can trust us on this)“
Während die Serie „Träume von einer neutralen Sprache“ mit der Visualisierung bereits erfasster Daten spielt, geht es bei „Scales“ um Werkzeug und Methode der Datenerfassung selbst. Messlatten auf Fotos von Ausgrabungsstätten, Tatorten und Fundstellen erzeugen Vergleichbarkeit. Sie wird ad absurdum geführt, wenn sich die Normmaßeinheiten jeweils halbieren. Der visuelle Effekt macht den Blick schummrig und irritiert die erhoffte Ordnungsfunktion. Wem können wir vertrauen?

Text → Marcel Raabe